Was ich im Taijitraining lerne

Train to be a trainer

Diese Woche war es endlich wieder so weit – wir durften in Berlin in Präsenz für unseren Taiji-Trainerschein trainieren.

Die Prüfung zur Taijitrainerassistentin habe ich bereits vor über einem Jahr gemacht und jetzt möchte ich dieses bereits erreichte Ziel ausweiten und mit dem „ganzen“ Trainer krönen. (siehe auch: https://holz-lerncoach.de/)

Im Vorfeld habe ich gemerkt, wie ungewohnt es ist, wieder einmal vor Ort und mit „echten“ Menschen trainieren zu dürfen.

Ich reise gerne, so dass es früher schon vollkommen zum Freudentaumel ausgereicht hat, nach Berlin zu reisen.

Noch besser wurde das Ganze dadurch, dass ich beim Training auf eine Gruppe von Menschen treffe, die auf der einen Seite meine Leidenschaft zum Taiji teilen, was uns allein schon genügend Gesprächsstoff gibt. Auf der anderen Seite bringt jeder dort noch andere Leidenschaften und viel Wissen darüber mit in die Gruppe. So erfahre ich jedes Mal unendlich viel Neues, Dinge, mit denen ich sonst vielleicht nie in Verbindung gekommen wäre. Das finde ich extrem inspirierend und schon so manche gute Idee für mich persönlich ist aus diesem Austausch heraus entstanden.

Diesmal war es anders. Seit über einem Jahr haben wir nur via Zoom trainiert. Es ist ungewohnt geworden so weit zu reisen, mit Menschen in so engem Austausch zu stehen. Und das war im Vorfeld selbst für mich, die ich kommunikativ und gerne unter Menschen bin, eine gewisse Überwindung.

Als ich dann wirklich im Trainingsraum war, mit den anderen, mit denen ich mich seit über 2 Jahren auf den Trainerschein vorbereite, da war sie wieder da, die Freude, das Verlangen nach unbegrenztem Austausch. Und ich wünsche mir, dass das auch wieder der Normalzustand wird. Mir persönlich tut die Distanz nicht gut, ich brauche den direkten Austausch mit Menschen.

 

Die Wichtigkeit des Austauschs mit anderen Menschen

… ist das erste, was ich an diesem Wochenende für meinen persönlichen Lernprozess (wieder) lerne. In dem Moment, als wir zur Begrüßung alle miteinander im Kreis sitzen und uns erzählen, wie es uns geht und was in den letzten Monaten bei uns passiert ist.

Ich bin ein ausgesprochen kinästhetischer Lerntyp. Das heißt, dass eine gute Lernatmosphäre und das Interagieren mit anderen meinen Lernprozess immer voran treibt. Noch dazu kommt, dass ich einen relativ hohen auditiven Anteil in mir habe. Ich muss mich also für den Kinästheten im Austausch mit anderen wohl fühlen. Und für den auditiven Lerntypen ist miteinander reden und einander zuhören, Fragen stellen und über Inhalte diskutieren, DAS Mittel der Wahl zum Lernen. Wie cool ist das, wenn beides zusammen kommt?

Für einen visuellen Lerntypen wäre die Ästhetik des Taiji wichtiger Bestandteil für das Lernen. Es sieht einfach wunderschön aus. Vor allem, wenn jemand es mit so viel Körpergefühl wie unser Trainer Nabil (siehe Foto oben) vormachen UND vermitteln kann. (Wenn du das gerne sehen möchte, hier findest du es: https://www.youtube.com/watch?v=bjzSn5TBiZU&ab_channel=Chen-StilTaijiquan%2FTaichiNetzwerkDeutschland)

 

Nicht reden, machen

… darauf einigten wir uns in diesem ersten Gespräch.

Theorie kann man via Zoom genauso gut lernen wie in Präsenz. Die Praxis ist da schon schwieriger. Unsere Zoom-Lehrer sind wirklich fantastisch und sehen inzwischen so ziemlich alles über den Bildschirm. Durch kluge Wortwahl können sie auch vieles korrigieren. Und doch ist es etwas anderes, wenn der Trainer vor einem steht und es einem direkt vormachen kann, oder wenn man sich gegenseitig auch mal wirklich in die richtige Richtung biegen kann (im Moment natürlich auf jeden Fall mit der 3G-Regel und mit geeigneten Vorsichtsmaßnahen).

Spätestens hier rächte sich mein Zoom-Frust der letzten Monate.

Anfangs habe ich begeistert jedes Seminar der Online-Akademie, die unsere Trainer in unglaublich kurzer Zeit erschaffen hatten, mitgemacht. Und sie machen das wirklich richtig gut. Dort habe ich genauso viel gelernt wie in Präsenz, weil es durch Zoom viel konzentrierter ist. (Hier geht’s zur Academy: https://www.ctn.academy/ Und hier die Beschreibung der Academy auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=tVlOovitCn0&ab_channel=Chen-StilTaijiquan%2FTaichiNetzwerkDeutschland)

Und doch fehlte mir gerade der auch mal NICHT konzentrierte Austausch. In Kombination damit, dass ich zur Zeit sehr viele Zoom-Kurse mache, fehlte mir das ungezwungene Zusammensein immer mehr, und ich habe für mich die Kurse erst einmal eingestellt.

Fakt ist: Die Bewegungsabläufe des Taiji lerne ich nur durch das Machen. Und wenn ich sie nicht mache, dann verliert auch mein motorisches Gedächtnis sie irgendwann. Ohne die Kurse, egal ob online oder in Präsenz, übe ich die Bewegungsabläufe nicht. So viel Selbstdisziplin ist mir nicht gegeben. Also ist vieles von dem, was ich schon gut konnte, verloren gegangen.

Ich war eher erstaunt, wie viel tatsächlich noch übrig geblieben ist. Nur die richtige Reihenfolge der Form, die aus insgesamt 89 zum Teil sehr komplexen Einzelfiguren besteht, die bekomme ich gar nicht mehr hin.

 

Trotzdem weiter machen

Auch ein Coach ist nur ein Mensch, und so habe ich mich im ersten (längeren) Moment echt geärgert.

„Warum habe ich nicht so fleißig weiter trainiert wie am Anfang?“ „Warum klappt das alles nicht mehr, ich konnte es doch schon? Das kann doch eigentlich gar nicht sein.“ „Ich fühle mich gerade echt wie das fünfte Rad am Wagen.“

Solche Gedanken gingen mir durch den Kopf.

Geholfen hat mir – mal wieder – die Gruppe und vor allem der Trainer. Kein hämisches Gelächter (wie das leider in meiner Schulzeit manchmal vorgekommen ist), kein Dramatisieren. Stattdessen: „Mensch, das ist schon viel besser als beim letzten Mal.“ „Die Reihenfolge kriegst du auch noch hin“ usw.

Also habe ich die Zähne zusammengebissen und mit dieser Ermutigung weiter gemacht. Für mich und für die anderen, weil sie mich unterstützt haben und ich nicht wollte, dass diese Unterstützung ins Leere läuft.

Die Unterstützung der Umgebung ist soooo wichtig. Wenn die nicht stimmt, dann fällt das Weitermachen oft echt schwer, selbst wenn man, wie ich, ein so genannter „Gegenbeispielsortierer“ ist. Das sind die Menschen, die bei negativer Kritik denken: „Jetzt zeig ich dir erst recht, dass ich es kann.“ Das geht zumindest bei mir für eine Weile gut, und irgendwann ist der Frust zu groß und ich gebe doch auf.

 

Krönchen zurecht rücken, aufstehen, von vorne anfangen

Gestützt von der Gruppe habe ich also den ersten Tag komplett mitgemacht und war dann stolz, dass ich trotz meiner negativen Gedanken durchgehalten hatte.

Abends im Hotel bin ich in mich gegangen und habe meine Coachingwerkzeuge mal für mich selbst ausgepackt und angewandt – das empfinde ich als echtes Geschenk, dass ich den Umgang mit diesen Werkzeugen lernen durfte.

Ich weiß, was ich für ein Lerntyp bin, ich kenne mein O.C.E.A.N.©-Modell. Beides zusammen erklärt mir ziemlich gut, warum ich in letzter Zeit so übefaul war.

Im Musikstudium ging es mir auch nicht anders – die Semesterferien fingen an und nichts wurde mehr geübt, gerade mal gespielt, wenn ich Lust darauf hatte (meistens Gitarre an irgendeinem Lagerfeuer, also nicht gerade schwere Stücke). Sobald ich zurück in der Uni war, hat mich mein hoher Anteil an Enthusiasmus wieder mitgerissen, weil ich Musik liebe und ohne nicht leben kann. Ich war wieder im Austausch mit anderen, und das gab mir das Durchhaltevermögen, dieses Studium durchzuziehen.

Jetzt war die Situation ganz ähnlich. Mich alleine aufraffen ist wirklich schwer. Ich brauche den DIREKTEN Austausch. Den hatte ich jetzt 2 Tage am Stück. Das gibt mir wieder die Motivation und die Kraft, die ich brauche, um weiter zu machen. Denn inzwischen ist Taiji für mich so wichtig wie meine Musik.

Also: weniger streng mit mir selbst sein, darauf achten, was ich wirklich brauche, und weiter geht es mit diesem wunderschönen Sport.

Mit dieser Einstellung ging ich in den 2. Trainingstag. Und siehe da: Es lief viel besser als am ersten Tag. Meine Freude war wieder da, mein Mut, mein Vertrauen in mich selbst.

DAS sind die drei Dinge, die JEDER Lernende für gutes Lernen braucht. Und auch das wurde mir an diesem zweiten Tag wieder vor Augen geführt.

 

Spaß muss sein

Was wir an diesem Wochenende vor allem hatten, war extrem viel Spaß miteinander.

Nabil schafft es, dass wir diszipliniert trainieren und dabei doch die meiste Zeit lachen. Etwas, was ich bei Nabil und all den Taijitrainern unseres Stils extrem schätze. Denn auch und gerade dieser Spaß neben dem Training her bedeutet für mich: Lernen.

Da wird gutartig gefrotzelt, mit einem gutem Gefühl dafür, was für wen in Ordnung ist und auch mal der Frage, wie weit man gehen darf. Keiner wird verletzt. Lustige Metaphern, über die man sich schier den ganzen Tag lang kaputt lacht, werden gefunden (Wusstest du, dass die Körperarbeit des Taiji etwas mit der Arbeit eines Betonmischers gemeinsam hat?)

Kurz: Es wird im Training viel gelacht.

Das tut allen gut, gerade im Moment, wo jeder so wenig Zeit mit anderen zum Lachen hat.

Ich nehme mir daran ein sehr großes Beispiel und bringe es sowohl in meinen Unterricht als auch in meine kleine Anfängergruppe, die ich selbst trainiere, ein. Und mir wird gespiegelt, dass das wirklich Früchte trägt. O-Ton einer Schülerin: „Ich hasse Mathe, aber mit Ihnen macht das echt Spaß, dann lerne ich es gerne.“ Da standen mir wirklich die Tränen in den Augen, weil ich wusste: ich habe da etwas Elementares gelernt, das ich anderen zu ihrem persönlichen Glück mitgeben kann.

 

Durch das Taijitraining lerne ich so viel, was vordergründig gar nichts mit Taiji zu tun hat.

Das Wochenende war mega. Lehrreich, lustig, anstrengend, schön.

Allen Beteiligten, insbesondere Nabil, ein herzliches Dankeschön dafür!

Ich wünsche euch eine lustige und lehrreiche Woche

Eure

Daniela

 

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